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14. Februar 2012, 18:27
Der Weg zum Himmel
Was haben wir hier unten für eine Mission? Was ist unser Tun? Was sind unsere Aufgaben und was erwarten wir für Resultate? Gedanken über Gedanken. Während ich auf schmalem eisigen Weg hoch über der Staumauer den steilen Grat entlang gehe, blicke ich immer wieder hinunter, hinunter auf dem mit Eisplatten belegten Stausee. Unheimlich sieht es aus und ich kann mir gut vorstellen, dass bei einem Ausrutscher der Wanderer sofort lautlos im eiskalten und tiefen Stausee verschwindet und nicht mehr auftaucht.
Zürich, 14.2.12 mk (mk) Ich bin schon seit mittags unterwegs, die Sonne ist schon längst hinter den Gebirgszügen verschwunden. Einsam thront das über dreitausendvierhundert und fünfundfünfzig Meter hohe Zülishorn furchterregend über dem Tal. Die Felswände sind steil und selbst im Sommer nicht zum Klettern geeignet. Wer trotzdem in die Wand steigt, ist unweigerlich Todesgefahren ausgesetzt. Es ist glitschig, den die verschneiten Nordwände sind auch den Sommer über meistens vereist. Klettern ist gefährlich, was sich aber hier abspielt, ist fern des Guten und Bösen. Man müsste es als grauenhaft und grauenvoll bezeichnen. Der Blick hinunter lässt jeden Kletterer in sich zusammenzucken. Und doch ist es faszinierend, hier zu gehen.
Mein Weg führt mich unter der über tausend Meter hohen Steilwand durch. Nach einem schneereichen Tag ist es auch hier gefährlich und grenz an Wahnsinn, Verderben und Verrücktheit. Hier muss es sein, der Weg, der zum Himmel führt. Kein anderer Ort eignet sich mehr dazu als dieser.
Der Wasserfall der mit grossem rauschen knapp über den Weg donnert macht Angst. Das Wasser ist so kalt, dass man sein Gesicht darin spiegeln sieht. Hier muss eine Entscheidung zu fällen sein. Blickt man hinein, sieht man sein Antlitz verzerrt darin als wäre hier die Abzweigung zur Hölle.
Ich nehme den Weg, der an einer tief abfallenden Felswand entlang führt. Es ist rutschig. Meine Schuhe suchen halt. Nichts, nichts als Eis und Schnee. Soll ich oder soll ich nicht? Ich geh den Weg, langsam vorsichtig und ruhig. Ein Schritt zu viel - und wutsch, wär mein Leben futsch.
Ein Felsvorsprung mit einem grossen Stein, fast wie ein Bänklein. Ich setz mich hin und schau hinunter in die Tiefe und hinauf, wo weit oben die letzten Sonnenstrahlen die eisigen Schneefelder beleuchten. Fantastisch. Der Wind wirbelt unter dem Gipfel den Schnee auf und die Flocken spiegeln in bunten Farben im Abendlicht.
Ich lasse meine Gedanken schweifen. Es macht mir nichts aus, dass es langsam immer dunkler wird. Das Risiko auch in der Dunkelheit auf schmalen Graten zu wandern nehme ich in kauf. Wozu sind wir hier auf dieser Welt, wozu? Was ist unsere Aufgabe, was ist unser Wirken auf dieser Welt? Auf einer Welt, wo wir uns nicht mal grüssen? Da, wo wir in der Anonymität der Grossstadt leben, wo wir wie verhext jeden Tag nach Kohle schaufeln. Und da wo sich nicht mit Gedanken spielen lässt. Starre Vorschriften hindern uns am eigenen Dasein. Ist das gerecht? Ich sage Nein! Gerecht ist das keinesfalls. Ist es gerecht, dass die einen mit Glück überhäuft werden und die anderen im Tal des Todes hausen? Ist es gerecht, dass die einen mit Geld um sich werfen und die andern am Strassenrand nach Brot betteln? Ist es gerecht, dass die einen früh sterben und die anderen bis ins hohe Alter, wie zwanzigjährige umherhopsen? Oder ist es etwa gerecht, wenn Menschen und Tiere den Unfalltod sterben?
Es ist jetzt dunkel. Ich habe keine Angst mehr. Ob ich abrutsche oder nicht, hängt nicht von mir sondern von ganz anderen Sachen ab.
Im Himmel muss es schön sein. Der Geiz, der Drang nach Glück und der Überlebenskampf ums Dasein ist vorbei. Nie mehr müsste ich ein Billett zum nächsten Bahnhof lösen, niemals mehr das Auto auftanken. Ich wär für immer am Ziel.
Langsam stehe ich auf und merke, dass es stockdunkel ist. Wo ist der Weg? Welcher? Es kann nur einen geben. Finde ich ihn? Ich laufe vorsichtig über den Weg, der Felswand entlang. Ein Schritt zu viel nach rechts und ich fliege dem Himmel entgegen oder vielleicht der Hölle?
Mein Schritt wird schneller, meine Gedanken sind voll Freude und meine Stimmung ist gut. Ich komm voran bis ans Ende der Wand, wo der Weg 90° nach links abbiegt und gehe geradeaus. Ich sehe längst nichts mehr, ich spüre wie der Fuss ins Leere geht und ich stürze. Doch ich fühle es geht nicht runter, es geht rauf - diese Freude, dieses Gefühl, ich bin dem Himmel nah. Bin ich auch willkommen?
Bin ich so stark?
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