Samstag, 26. Mai 2012, 19:49:16 Uhr

05. Februar 2012, 05:28

Verzweifelt im Eis und Schnee

Ich steh mitten in der Nacht draussen im Eis und im Schnee. Es ist kalt, verdammt kalt. Die Nachrichten von SWR 4 vor zehn Minuten gaben eine Minustemperatur von 15° an. Ja, es ist sau kalt. In meinen warmen Skianzug gehüllt, an den Füssen wasserdichte Gore-Tex Wanderschuhe marschiere ich Richtung Wald, den grossen dunklen Wald. Der Weg ist längst nicht mehr zu erkennen, er ist zugeschneit. Wenn ich nicht auf dem darunterliegenden Strässchen gehe, merke ich dies sofort - ich sauf ein, tief ein. Mindestens 1 m Schnee liegt da oben, hoch oben im Tösstal. Meine Hütte liegt da einsam in der Landschaft - zwischen Wäldern, Wasserfällen und tiefen Abgründen.

Zürich, 5.2.12 mk (mk) Ich habe nicht weit bis zum Wald. Klarer Sternenhimmel. Es ist bald Vollmond. Wird das wieder ein Desaster. Die Leute spinnen schon kurz davor. Ich stapfe durch den Schnee, dort durch, da wo ich gestern schon gelaufen bin. Ich suche meine Spuren und tappe genau wieder ins gleiche Wasserloch, das eben nicht auf dem Weg, sondern neben dem Strässchen liegt. Ich merke nichts, meine Füsse bleiben trocken. Und doch ist es ärgerlich. Wieso finde ich den Weg nicht, bin ich blind? Oder will ich ihn etwa nicht finden? Absichtlich?

Während ich laufe, höre ich vom nahen Wald die Tiere. Rehe, Füchse und viele mehr. Sie sind alle an den Waldrand gekommen, nicht weil sie mich erwarten, nein, sie haben Hunger. Larry, der neben mir läuft, spitzt die Ohren, schnuppert an den Spuren im Schnee, die vom Wild stammen. "Du bleibst da, verstanden?" Er schaut mich an und ich lese es in seinem Gesichtsausdruck, verstanden. Wir gehen weiter. Es ist unheimlich. Wieso bin ich überhaupt hier draussen? Ach ja, ich bin aufgewacht, aufgewacht aus einem Albtraum. Ich sah Böses, das mich durch das Fenster beobachtete. Ich war bachnass. Wir gehen weiter.

Irgendwie summt es in meinem Kopf. Ich höre die Nachrichten, die ich im Radio vor meinem nächtlichen Gang hörte. Ich überleg mir, wieso müssen wir uns eigentlich solche Nachrichten antun. Wieso kommt an erster Stelle, wer in den Vorwahlen in Amerika gewonnen hat? Interessiert das uns? Wieso kommt nicht, dass wir gerade in dieser kalten Zeit uns ein bisschen mehr um unsere Nachbarn kümmern sollten? Gut, mich würde das ja nicht betreffen. Mein nächster Nachbar wohnt ja zwei Kilometer unterhalb und die Bergbeiz ist weitere 3 km oberhalb meiner Hütte. Aber die in der Stadt, im Dorf oder sonst wo? Das wir uns solches anhören müssen, der genannte Kandidat sei ein steinreicher Sack, er habe nichts für die Armen übrig. Hoch oben düst ein Flugzeug vorbei. Ein Licht und das Geräusch der Düsen. Wohin die jetzt Morgens um vier wohl fliegen? In die Ferien? Oder kommen sie aus den Ferien zurück.

Müssen wir und das eigentlich bieten lassen? Wieso müssen wir uns unsere News aus der Umgebung aus den Fingern saugen? Klar, aus der grossen Welt sind wir über alles orientiert. Wissen wir eigentlich auch, was in unserem Land läuft? Griechenland soll jetzt doch vor dem Bankrott stehen. Und Bundeskanzlerin Merkel sei in China. Ja in China und sie hätten über Unterdrückung geredet. Es sei ein sehr konstruktives Gespräch gewesen. Gleichzeitig wurden eingeladenen Gästen auf die deutsche Botschaft die Reise in Peking verwehrt. Das sind Nachrichten!

Ich bin jetzt mitten im Wald, es ist dunkel fürchterlich dunkel. Meine Stirnlampe beleuchtet den Weg, zündet ins Dunkel - ins Nichts. Larry findet es ganz lustig, so mitten in der Nacht, besser gesagt am frühen Morgen. Wir laufen weiter. Es sei sehr kalt in der Schweiz, endlich, doch die Temperaturen vom Horrorwinter 1987 hätten wir noch lange nicht erreicht. Währenddessen frieren sich an der Limmat die Obdachlosen die Zehen ab oder sie haben sich wenigstens in einem Hauseingang verkrochen. Mit ihren Habseligkeiten und ihrem kläglichen Equipment können sie auch da frieren. Wir sitzen in der warmen Stube. Schrecklich, das bei uns in der Schweiz? Kaum zu glauben. Ach ja, es seien ja Patrouillen unterwegs, die schauen, das niemand erfriert. Wie schön. Es beruhigt, dass Andere dafür sorgen, das die Anderen keine Sorgen haben. "Hast Du gesehen Fred, was für ein sympatischer Kerl dies Kandidat in Amerika ist, das wäre ein Präsident und Geld hat er!"

Wir gehen weiter, Larry schaut mich verwundert an - ach Larry, sage ich, ich habe nur laut gedacht. Längst sind wir wieder umgekehrt, ich habe gemerkt wie sau kalt es ist. Ich kann jetzt wieder zurück, zurück ins warme Nest. Irgendwie habe ich Angst, Angst am Knopf des Radios zu drehen. "Guten Tag, es ist sechs Uhr. Die Wahlen..... Ein Albtraum. Brauchen wir Nachrichten? Für solchen Blödsinn aus aller Welt wohl kaum mehr. Klar, Sensationen beflügeln uns, zeigen uns, wie gut es uns hier geht. Was? So schlecht! Die lernen aber auch überhaupt nichts daraus. Denken wir bw. noch daran, wie es den Erdbebenopfern in Haiti geht? Wir haben ja gespendet und unser Gutes dabei getan. Die Kampfkassen der Grossverteiler des Katastrophentourismus sind gefüllt. Ja, das Gewissen haben wir ja mit unseren zwanzig Fränkli auch ins Reine gebracht. Damals. Und jetzt? Genügen zwanzig Fränkli für unser Gewissen? Längst haben Organisationen, Politiker, Firmen und Länder Profit daraus geschlagen. In den besagten Ländern herrscht dabei immer noch Chaos, ja, aber kein Erdbeben.

Ich denke, die Kälte hat mir schon zugesetzt. Was denke ich auch. Hätte ich doch auch meinen Geldsäckel für Länder und Katastrophen, die längst vergessen sind geöffnet. Stattdessen habe ich hier direkt gespendet. Was für ein Teufel bin ich eigentlich?

Zur gleichen Zeit als ich in die Hütte, die schöne warme Hütte zurückkehre, stehen an der Limmat die ersten Clochards auf, durchfroren, gedemütigt und enttäuscht. Die Stadt beginnt zu leben, der Alltag holt uns ein. Die ersten Zeitungen werden am Kiosk gekauft. Romney hats geschafft! Der, den die Armen einen Dreck angehen, ist auf dem Weg zum neuen Präsident der USA. Kälteschock in der Schweiz. Verzweifelt sucht man nach den Armen bei uns, den Obdachlosen, den Aussenseitern. Sie wird man nicht finden.

Jezt ein heisser Punch, den Knopf des Radios drehen. Hören was in der Schweiz passiert. Radio DRS, guten Morgen. Sie hören die Nachrichten. In den Vorwahlen.....

Mir wird schlecht. Nicht weil ich die geräuchten Schüblinge von gestern Abend noch nicht verdaut habe, nicht, weil ich zuviel Käse gegessen habe. Nein, weil wir doch die vertrottelsten und blödesten Geschöpfe sind, die je auf der Welt gelebt haben. Ich krieche nochmals unter die Decke, Larry ist mit einem Sprung neben mir und schläft wie ein Murmeltier an meinem Fussende. Er schnarcht, während ich immer noch nachdenke, nachdenke ......

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