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28. November 2011, 22:53
Verzweiflungstaten
Jeden Tag liest man es in den Zeitungen. Die Schlagzeilen hören nicht mehr auf. Kantonsratspräsident beging Selbstmord im Ferienhaus. Arbeitsloser schiesst auf die Polizei und richtet sich in Bedrängnis mit einem Kopfschuss selbst. CEO der weltbekannten "Hueschtenzeltli" Ricola macht Suizid. Startrainer der walisischen Nationalmannschaft erhängt sich in der Garage. Die "Liste" kann beliebig fortgesetzt werden und jeden Tag um neue Mitglieder grosszügig erweitert werden. Eines haben aber alle Taten gemeinsam, sie geschehen aus Verzweiflung, weil die betreffenden nicht mehr weiter wissen. Muss es aber so weit kommen? Sind wir da nicht alle auch mitschuldig? Tun wir alles dafür, damit Menschen Hilfe finden und auch bekommen? Auch hier sind es Fragen die nie aufhören wollen, Fragen des Gewissens, Fragen der Ethik und Fragen des Verstandes. Wir sind mit unserer Gesellschaft in diesem Moment angelangt, wo es Zeit wäre umzudenken. Vielleicht können die vielen Selbstmorde, die gerade jetzt passieren uns aufrütteln und uns wachschütteln und uns zum Umdenken bewegen. Vielleicht oder vielleicht auch nicht. (C)Fotos M.Krebs.
Zürich, 28.11.11 Red. (mk) Unsere Gesellschaft dreht sich im Moment im Kreis - im Kreis, der keinen Ausgang hat, im Kreis des ewigen drehens, des ewigen alleinseins und des ewigen einsamseins. Wir sind Gefangene unseres Selbst geworden, Gefangene unseres eigenen Verstandes. Wir sind Egoisten, Eigenbrötler und schauen nur auf uns. Wir haben weder grosse Lust zu helfen oder wenigstens Hilfe zu vermitteln. Uns ist es ganz einfach Wurst was auf der Welt passiert, Wurst, was um uns herum passiert.
Wir schauen lieber Kriegsbilder aus Afghanistan an, interessieren uns für Kriege etc., die weit, weit weg sind, verfolgen die nordafrikanische Revolution bis tief in die Nacht und gleichzeitig ist es uns vollkommen gleich, wie es unserem Nachbarn geht. Oder wir stehen jeden Tag an unserem Arbeitsplatz und merken nicht, dass es unseren Arbeitsfreunden und Kollegen schlecht geht. Wir reden nicht, ja, weil wir auch nicht wissen wollen, was für Probleme oder Sorgen der Andere hat.
Erst wenn dann die Nachricht kommt, dass sich unser Büronachbar gestern erhängt hat, dann tuscheln wir. Dann kommen Gefühle auf, Gefühle wie, " ja, er ist ja nie mit seinen Problemen zu uns gekommen. Habe immer gedacht, dass er Sorgen hat, hast du gesehen wie er immer unrasiert und ungekämmt in letzter Zeit täglich dreiviertel Stunden zu spät zur Arbeit kam?" So oder ähnlich tönt es. Erst wenn das Schicksal fürchterlich zugeschlagen hat werden wir Samariter, wohlweislich, dass wir sowieso nicht helfen konnten und jetzt auch nicht mehr müssen.
Der letzte Gang für unseren Freund, ist der Gang ans Grab. Es ist Pflicht. Wieso schalten wir in Extremsituationen, wenn wir merken, dass es unseren Freunden schlecht geht, auf stur? Ja, manchmal tut es ja richtig gut, Freunde leiden zu sehen. Ja! Siehst du, dem Meier geht es seit Wochen verdammt schlecht, er geht grusslos vorbei und hat noch keinen Ton gesagt. Fassungslos schauen wir uns erst an, wenn so etwas schreckliches passiert ist, fassungslos geben wir uns und fassungslos schreiten wir in Schwarz dem Trauerzug zum Grab hinterher.
Nun ist es zu spät und manchmal weinen wir stolz am Grab, ja, wieso haben wir nicht nachgefragt, nicht versucht zu helfen oder wenigstens zu reden? Wieso?
Still ist es in der Kirche, der Pfarrer hält die Abdankung, ein Freund spricht über das Leben des Verstorbenen. Kein Wort darüber, wieso haben wir ihm nicht geholfen, er war ja in letzter Zeit so komisch? Stolz erzählt der Pfarrer im Lebenslauf des Selbstmörders. "Es gab auch Zeiten, da war er vollkommen glücklich, er war froh, lebenslustig, unterhaltsam und spendefreudig. Er war einer dem man ansah, dass er gern lebte.......Und nun ist er .......
So oder ähnlich hört es sich in der Kirche an. Nach der Beerdigung wird getuschelt und man nimmt mit Freude die Einladung zum Leichenschmaus an. Man sitzt an den Tisch mit dem Kärtchen für die "tollen Arbeitskollegen". Man nimmt mit grosser Anteilsnahme an den Gesprächen über den "guten Mann und Arbeitskollegen teil. Man gibt sich einfühlsam und zeigt sich als wirklicher Freund. Die Bekannten des Verstorbenen wundern sich, wieso dass denn ihr Xaver mit diesem grossen Freundeskreis so einsam und alleine aus der Welt ging.
Wochen später wird kaum noch darüber gesprochen. "Ja, weisst Du noch der Xaver, der Eigenbrötler........"
Wirkliche Freunde zu haben ist schwer, sehr schwer. Freunde, die man aber zu solchen wirklichen Freunden zählen kann, gehen mit einem durchs Feuer und helfen, wenn Hilfe nötig ist.
Eines Tages wir wieder einer gegenüber am Tisch oder am nächsten Drehbank Platz nehmen und sich als neuer Arbeitskollege vorstellen. Und wenn er ein stiller in sich Gekehrter ist, werden seine Nachbarn untereinander nicht schweigen. Hast Du gesehen, was hat der........Da Spiel beginnt von vorne. Haben wir in unserem Leben nicht gelernt, dass es verschiedene Individuen gibt? Haben wir nicht gelernt, dass wir mit unseren Mitmenschen behutsam und achtsam umgehen sollen? Haben wir nicht und nie gelernt, auch die etwas Anderen zu schätzen? Er war eben ein bisschen so.... ja, ja....so war er. Müssen wir erst auf dem letzten Gang unseres Nachbarn darüber reden?
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