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08. November 2011, 05:07
Es kommen noch kalte Tage
Der alte Mann ist nicht mehr da. Der alte Mann ist weg, wohin? Ist er zu seiner Freundin gezogen, von der er immer sprach, oder war das ganz von dem er erzählte einfach sein Wunschdenken? Hubert K. bleibt verschwunden. Gestern Abend habe ich mit ihm ein letztes Mal gesprochen. Wir standen unter der Strassenlaterne, er versuchte immer das Dunkel auszunützen, damit ich nicht sein Gesicht sehe. Kann ich Ihnen helfen, Hubert? So habe ich ihn gefragt. Doch er verneinte, gab sich zuversichtlich und sagte: "Ja, das hier ist jetzt vorbei, ich ziehe jetzt zu meiner Freundin, hinunter ins Tal, hinunter, dort wo im Winter der Schneepflug bereits um fünf durch die Strassen fährt. Ja in einer Woche, nächsten Freitag kommt ein Transporter und holt mein Hab und Gut hier oben ab. Er hätte eigentlich schon gestern kommen sollen, doch der Chauffeur war krank." Was er vergessen hatte oder vielleicht auch nicht wahrhaben wollte - es war am Sonntag sein letzter Tag - sie schickten ihn fort, fort irgendwo hin, ja irgendwo hin ins Ungewisse. (Text und Fotos Marcel Krebs)
Zürich, 8.11.11 mk (mk) Für ihn war seine Hütte alles, auch wenn sie aussah wie eine Abfallgrube. Diese Hütte war für ihn sein Lebenselixier, seine Kraft fürs Leben, seine Kraft um die Tage zu überstehen, die seit dem Tod seiner Frau so schrecklich einsam waren. Ja, am nächsten Freitag kommen sie. Wollte er es nicht wissen oder verdrängte er es? - Sie kamen am nächsten Morgen, mit Pickel, Bagger und Lastwagen und bauten sein Lebenselixier, sein einziges Zuhause ab. Sie warfen alles auf den Lastwagen, von oben hörte man, ah, ui, wäh, schrecklich.....Langsam aber sicher wurde seine Burg, seine Hütte zurückgebaut - platt gemacht.
Nun sind sie gekommen. Lange haben sie es ihm nur gesagt, doch heute Morgen ist es Wirklichkeit geworden - grausame Wirklichkeit. Ob er noch da war? Hat er vielleicht von oben, vom Wald aus zugeschaut, wie sie alles weggeworfen haben, sein einziges noch funktionierendes Lebenswerk zerstört haben? Oder sass er in einer neuen warmen Stube bei seiner angeblichen Freundin?
Es muss schrecklich für ihn gewesen sein, etwa so, wie wenn er auf den elektrischen Stuhl müsste oder in die Gaskammer oder auf dem Schragen müsste, um auf die Todesspritze zu warten. Mit 70 war also das Leben gelaufen. Niemand hat ihm je geholfen. Ja, vielleicht wollte er sich auch nicht helfen lassen. Mag sein. Doch er hätte es verdient gehabt, ganz gleich was wahr.
Er kann sich nicht vorstellen in ein Altersheim zu ziehen. Verständlich. Für die Behörden ist es eine Selbstverständlichkeit. Wir haben das Haus, wir brauchen die Kunden. Wie könnten die Behörden es sonst rechtfertigen, rechtfertigen vor dem Stimmvolk? Leere Häuser, teuer gebaut, Defizite, leere Zimmer und Wohnungen. Es wäre ja eine Schande, würde man da nicht Menschen hineintun. Hat man dabei auch daran gedacht dem alten Mann anders zu helfen, als ihn 27 Jahre in der absoluten Freiheit Leben zu lassen, ihn die letzten Jahre bewusst vegetieren zu lassen und ihm dann Vorwürfe zu machen, was für einen Saustall er habe, in was für einem Getto er überhaupt lebe? Wieso haben die Menschen, die Tür an Tür, Hütte an Hütte mit ihm wohnten nie gefragt, hey Alter, können wir behilflich sein? Überall unter und hinter jeder Hütte liegt Holz, Holz, das niemand braucht. Wäre da nicht die Möglichkeit gewesen ein Dach zu zimmern? Einen trockenen Raum aus der Hütte zu machen, wenigstens das Bett instand zu stellen, das der Alte wieder ruhig schlafen konnte? Sind nicht alle Nachbarn aus Überzeugung Abenteurer und verbringen ihre Freizeit in ihren Hütten? Sind sie wirklich Abenteurer? Ein echter Abenteurer ist auch ein echter Freund, der hilft, der unterstützt und nach den Gebrechen fragt. Ich glaube eben seine Nachbarn waren keine echten Abenteurer, sondern so Möchtegern pseudo Holzhausbewohner. "Wir wussten nicht, dass es so schlimm wahr, dabei haben sie Tür an Tür mit ihm gewohnt.
Was machen eigentlich unsere Politiker gegen die aufkommende Armut in unserem heiligen Ländle? Ich denke sie haben viel mehr Angst davor, dass wir von sogenannten Ausländern überrannt werden, die uns die Arbeit wegnehmen wollen, das ist auch viel lukrativer im Wettbewerb und ihm Bestehen vor dem Volk. Armut ist so anrüchig! Armut ist so dreckig, so nichtssagend. Armut ist, pfui Teufel, die gibt es bei uns doch überhaupt nicht.
Was sagen denn unsere so heiligen Kirchen dazu? Hier wären sie gefragt, um zu helfen. Doch man sieht sich vergebens nach dem Herrn Pfarrer um. Vergebens. Er predigt von den Armen, von den Armen vor vielen Tausend Jahren. Die hier, die hier im Jetzt, von denen predigt auch unsere Kirche herzlich wenig. Man setzt sich lieber für Modernes ein, schaut, dass man irgendwo bei einer Grossveranstaltung ins Rampenlicht rücken kann. Armut ist auch für unsere Kirche nicht lukrativ, mit Armut holt man keine neuen Schäfchen ab. Man predigt von Leid und vom Bösen. Was ist denn überhaupt Leid, was ist das Böse? Sind nicht gerade diese Menschen aus der Armut von grossem Leid geplagt und sind nicht gerade ihre Mitbewohner ihre Nachbarn das Böse?
Auf eine Antwort wird man lange warten müssen, doch vielleicht in Tausend Jahren......
Irgendwo sitzt nun der alte Mann, Huber K. in der Kälte. Vielleicht konnten sie ihn ja auch überzeugen, ins feine Altersheim einzutreten. Vielleicht haben sie ja noch kurz bevor der Löffelbagger alles dem Boden gleichmachte ein Bild von seinem Lebenselixier gemacht. "Schauen Sie Hubert, wir hängen dieses wundervolle Foto von ihrer Hütte übers Bett."
Ja vielleicht hängt Hubert K's Lebenselixier jetzt über seinem warmen Bett, das biegfein und ganz in weiss dasteht, sein Herz ist aber leer, sein Lebenselixier ist erloschen, es scheint höchstens noch über seinem Bett, fahl im milchigen Zimmerlicht des Heimes.
Können wir Menschen überhaupt noch helfen, unseren Mitmenschen Hilfe bieten oder geht das nur noch durch unsere hochkomplexen, über dimensionierten und verkappten Institutionen? Ein feines Zimmer ist besser, als wenn der Mensch so lebt, wie er eigentlich möchte. Hilfe wäre nämlich auch da möglich gewesen. Doch er wäre amtlich nicht gerettet worden. Er hätte gesiegt, eben, weil er nicht ins Altersheim eintreten wollte. Der Sinn eines solchen Unsinns werden wir nie ganz begreifen. Unsere Institutionen, unser Sozialwerk und wir selbst haben einmal mehr kläglich versagt.
Marcel Krebs
(c) by Marcel Krebs Sport-heute.ch - Abdruck nur mit Bewilligung.
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