Samstag, 26. Mai 2012, 19:43:11 Uhr

27. Oktober 2011, 23:51

Das Leiden ist unter uns

Hier esse ich, hier schlafe ich, hier verbringe ich meine Freizeit

Der Wahlsonntag ist vorbei. Viele politische "Persönlichkeiten" haben sich auf alle mögliche Weise profiliert, haben Versprechen abgegeben nur um gewählt zu werden. Die Erfahrung zeigt aber auch, das über 80% des Versprochenen niemals eingehalten wird oder ganz einfach vergessen wird. Themen wie "Stoppt die Ausländer" oder "Wir wählen liberal" etc. sind Vergangenheit. Es geht um Macht, um persönlichen Erfolg und die Stärkung der eigenen Parteireihen. Charity ist zum Modewort geworden, mit Charity holt man Punkte, mit Charity zeigt man die gute Seite, mit Charity lenkt man vom Bösen ab. Das Geschwafel, das während der vergangenen Wahlwochen bald wieder vergessen ist, ist ja auch gut. Das die Versprechen genauso versanden ist traurig und liegt im Wort Versprechen verborgen. Versprechen wird zum Verbrechen. Ein Verbrechen an der Menschlichkeit, an den Menschen in Not und die, die in absoluter Armut leben. Und diese Armut hat mittlerweile in der Schweiz eine erschreckende Grösse erreicht, Tendenz steigend. Von dieser Armut, von diesem Elend wird nicht und nie gesprochen. Die Politiker des Charity schreiten nun über den roten Teppich, er könnte mit Blut der Armen getränkt sein - so rot ist er - doch stört es?

Zürich,28.10.11 mk (mk) Hubert K. (Name geändert) ist pensioniert, verarmt und wohnt in einer Hütte mitten in unserer reichen Schweiz. Er lebt von einer bescheidenen Rente. Wer das erste Mal einen Fuss in die Hütte setzt der erschaudert. Auf dem Boden ist ein 30cm dicker Dreckbelag mit Kleidern, Büchsen, Abfällen und Zeitungsausschnitten seiner vergangen Zeit. "Es ist richtig ekelhaft, hier rein zu gehen." Es stinkt und überall liegt Müll, Müll aus vergangenen Zeiten, Müll aus einer Zeit, wo es Hubert K. noch besser ging. Vor drei Jahren ist seine Frau gestorben, die ebenfalls mit ihm in der Hütte wohnte, mitten in der Schweiz. Hubert K. ist meistens unterwegs. Er fährt mit dem Zug in die Stadt und wärmt sich wahrscheinlich in Kneipen auf. In der Hütte lässt er dennoch seinen Heizstrahler brennen. Gleich daneben steht eine 20kg Gasflasche. Gefüllt. Das noch nie was in die Luft geflogen ist, ja, das liegt in Gottes Händen.

Seit Neuestem hat er einen Verweis, das Gelände zu verlassen, wohin? Die Sozialbehörde sei auch schon da gewesen, der Polizist auch, doch unternommen hat bisher niemand was. Wieso soll man auch helfen, das Schicksal regelt solche Probleme selber, denken alle. Sagen tun sie es nur untereinander, die vielen Freunde, die unmittelbar, Wand an Wand zu ihm wohnen, wohnen an den verfaulten Wänden seiner Hütte. Sie bauen aber eher ein Mäuerchen, als Hubert K. zu unterstützen, ihn vielleicht zu fragen, ob er Hilfe braucht. Vielleicht mit ihm zusammen das Häuschen aufzuräumen. Die Kehrichtsäcke, die schon Monate und Jahre um das Haus stehen mithelfen zu entsorgen. Nein, sie helfen nicht, sie unternehmen nichts und sie denken eben wie die moderne Politik, selbst ist der Mann und noch selbständiger die Frau.

Man wollte den alten Mann anscheinend in ein Altersheim stecken, aber da will er nicht hin - verständlich. Nächstenliebe hört sich anders an. Manchmal muss man halt auch reden und nicht nur befehlen. Alte Menschen sind störrisch wie Politiker. Sie können sich aber im Gegensatz zu den noch tüchtigen Politikern nicht wehren, wissen nicht, wie das geht, und ziehen sich immer mehr zurück,stellen sich taub und verwahrlosen immer mehr. Wir lassen dies aber zu, schauen jahrelang zu, unternehmen nichts und rümpfen nur die Nase. "Es stinkt!" Tatsächlich es stinkt, es stinkt nach Faulheit der Verantwortlichen. Für alles Mögliche finden wir Lösungen, nur für das Leiden finden wir nichts. Man munkelt unter vorgehaltener Hand, dass sich das Problem selber lösen wird, er ist ja alt, der alte Mann.

Bilder des Grauens

Die beiden Bilder sind nur Ausschnitte. Die Tatsache sieht noch bedenklicher aus. Das Dach hat ein grosses Loch, die darüber gelegte Plastikhülle ist voller Löcher, das blaue Fass, das darunter steht, überläuft. Das Wasser rinnt auf den Boden, macht den Gang zum Schlammgang, zum Todesgang. Der Anbau an das Häuschen ist längst in sich zusammengebrochen. Man hat dem alten Mann aber nie geholfen. Man hat einfach einen hohen Bretterzaun gebaut, so sieht man nichts. Für den Gestank gibt es ja Gerüche und Spray's. Wie ein Fliegenschwarm wird eine Welt der Verzweiflung weggepustet.

Die Tür geht nicht mehr zu

Die Türe am Haus hängt schief in den Angeln. Bevor man aber dorthin kommt, muss man einige Müllberge umlaufen, und Stofffetzen, die einmal einen Vorhang waren aus dem Gesicht streichen. Fürchterlich. Hier wohnst Du also alter Mann, hier ist Dein Reich, Dein Königreich, Deine feste Burg, wie der Herr Pfarrer immer am Sonntag gesagt hat. Oder hat er da etwas anderes gemeint. Ist mit der festen Burg Gott gemeint, hilft Gott, hat er hier geholfen? Es ist ganz einfach zum Verzweifeln.

Die Politiker sind gewählt, das Leben läuft jetzt für die Gewählten auf einer anderen Ebene. Das Leid ist vergessen. Die Einen pflegen noch ihre Wunden, die anderen kassieren die ersten Gagen für den Gang in die Bundeshauptstadt. Ein neues teureres Auto muss her. Der Anzug kommt jetzt nicht mehr von Feldpausch sondern von Armani. Die Krawatte kauft sich der Mannn nicht mehr in der Migros, sondern bei Dior. Eine aus feinster Seide in Sozialtönen, Vertrauen ist wichtig, das Aussehen noch mehr. Es macht sich nicht mehr gut von Armut zu sprechen, den in der Schweiz gibt es keine.

Was wird aber aus Hubert K.?

Der Verfasser
Als ich dieses Elend mitten in einer wunderschönen Umgebung sah, traute ich meinen Augen nicht. In der Schweiz gibt es keine Armut. Keine Armut? Diese ist grösser als man denkt. Und immer mehr Menschen können ihren Verpflichtungen nicht mehr nachkommen. Die Fotos sind echt, der alte Mann ist echt und die Geschichte ist echt. Kaum zu glauben. Ich schäme mich für mein Land, die Schweiz.
Marcel Krebs

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Hier wohne ich, hier esse ich und hier werfe ich alles auf den Boden. Ich brauche Hilfe, doch Hilfe habe ich nie bekommen. Ein Verzweiflungsschrei aus der Schweiz, wo es keine Armut gibt.

Hier esse ich, hier denke ich an die gute Zeit zurück, hier bin ich allein, mich will niemand mehr - den Glauben an die Welt habe ich verloren.