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19. Oktober 2011, 23:01
Unerschrockene Annäherung an das Leiden
Das Kunstmuseum Bern zeigt die in Europa bisher grösste Einzelausstellung von Berlinde De Bruyckere (*1964). Die flämische Künstlerin schafft täuschend echte Skulpturen und bewegende Zeichnungen von leidenden menschlichen Körpern.
Präsentiert werden sie im Dialog mit Werken des deutschen Renaissance Malers Lucas Cranach und des italienischen Filmemachers Pier Paolo Pasolini. Titelbild: Berlinde De Bruyckere Into One-Another III. To P.P.P., 2011 Wachs, Epoxidharz, Eisen, Vitrine, 193 × 183 × 86 cm Courtesy Hauser & Wirth Fotografie: Mirjam Devriendt.
Zürich, 19.10.11 Red. (mk) Der menschliche Körper ist eines der am häufigsten dargestellten künstlerischen Themen, wird aber von jeder Generation Kunstschaffenden auf neue Weise interpretiert. In der Ausstellung wird Berlinde De Bruyckeres intensive Beschäftigung der letzten Jahre mit dem Werk von Lucas
Cranach und Pier Paolo Pasolini deutlich.
Neuer Existentialismus in der Gegenwartskunst De Bruyckeres Darstellungen des leidenden Menschen sind schockierend direkt und berührend. In den existenziellen Leidensdarstellungen vereinen sich Momente des Schmerzes, aber auch der Lust, der Scham und der Trauer. Die Künstlerin versetzt den Betrachter in wechselnde Gefühlslagen zwischen Abscheu und Betroffenheit. Dabei betont De Bruyckere das AllgemeinMenschliche, nämlich dass
wir alle leiblich sind.
Sie vertritt eine Haltung, die sich der Schönheits- und Eventindustrie widersetzt. Anders als die Idealbilder der
Werbung verbergen die Körperplastiken ihre Narben und Nähte
nicht, sondern lassen genau dort ihre Verletzlichkeit aufscheinen. Ihre Skulpturen machen dem Betrachter bewusst,
dass unser Körper verletzlich und vergänglich ist. Dieses
Bewusstsein droht in unserer Welt, die von neuen Medien durchsetzt und geprägt ist, zu schwinden. De Bruyckere gelingt es, den Betrachte zu echtem Mitgefühl zu bewegen, ohne dass ihre Werke voyeuristisch wirken.
Politisch-kritische Hinterfragung der Gesellschaft
Bei Lucas Cranach war die Leidensthematik noch klar in einen religiösen Kontext eingebettet. Sein meisterhaftes Gemälde Schmerzensmann zeigt den geschundenen Christus mit Dornenkrone, um den Betrachter zu religiöser Einkehr und Mitgefühl zu bewegen. Cranach stellt Christus als leidenden Menschen dar, nicht als Gott und unterläuft damit die kirchliche Ideologie. De Bruyckere greift das Motiv des Leidens auf, verankert es aber in der Gegenwart. Sie hinterfragt die moderne Gesellschaft kritisch und nimmt damit auch eine politische Haltung ein. Diese Haltung teilt sie mit Pier Paolo Pasolini. Der italienische Filmemacher inszeniert den menschlichen Körper als Schauplatz von Sinnlichkeit, Unbezähmbarkeit und Individualität, aber auch von sexuellen und gewalttätigen Exzessen. Der Leib ist für Pasolini auch einer der wichtigsten Schauplätze in seinem
Kampf gegen die kleinbürgerliche Ordnung, in der er den Faschismus und die Konsumgesellschaft begründet sah.
Dialog über Medien und Epochen hinweg
So präsentiert die Ausstellung einen medienübergreifenden Dialog von Skulpturen, Zeichnungen, Gemälden und Film. Der Dialog erstreckt sich aber nicht nur über verschiedene Medien, sondern auch über Epochen hinweg. Die Ausstellung macht deutlich: ein «Mysterium» – im Sinne eines Sachverhalts, welcher sich nicht eindeutig erklären lässt – ist der Leib seit jeher. Jeder Einzelne ist dazu aufgefordert, sich damit auseinanderzusetzen.
Die Ausstellung ist eine Kooperation mit Cornelia Wieg & der Stiftung Moritzburg — Kunstmuseum des Landes Sachsen-Anhalt, wo die Ausstellung vom 3. April bis 3. Juli 2011 zu sehen war.
Aus dem Rahmenprogramm
Vortrag von Hans Ulrich Reck:
Pasolini und der Körper des Poeten – Häresie,
Empirie, Widerruf
Dienstag, 8. November 2011, 19h
Die künstlerische wie die kunsthistorische Vorprägung der Körperauffassung Pasolinis stützt sich weniger auf die inszenierte Eleganz eines Lucas Cranach, sondern die athletische Heroisierung anatomisch perfektionierter Körper eines Masaccio oder Piero della Francesca, generell auf die
ästhetische Selbstermächtigung funktional sichtbar gemachter wie einfühlungspsychologisch reizender Körperlichkeit seit Giotto.
Der Vortrag untersucht folgende Konzepte/ Etappen/ Bruchstellen in der Körperauffassung Pasolinis: Der natürlich heroisierte, der erotisch vitalisierte, der stigmatisiert illegitime, der korrupt konsumistische und schließlich der verworfene/ verfluchte/ zurückgewiesene Körper.
Skandalisierung, Widerruf und Aufhebung, damit auch Denaturierung des erotischen Körpers prägen die Bruchstellen der Entwicklung. Das Körperdenken Pasolinis wird im Rahmen seiner gesamten Philosophie, besonders der politischen Anthropologie und Gesellschaftskritik erörtert.
Hans Ulrich Reck, geb. 1953, Prof. Dr. phil. habil.. Philosoph, Kunstwissenschaftler, Publizist, Kurator. Seit 1995 Professor für Kunstgeschichte im medialen Kontext an der Kunsthochschule für Medien in Köln, davor Professor und Vorsteher der Lehrkanzel für Kommunikationstheorie an der
Hochschule für angewandte Kunst in Wien (1992-1995, Dozenturen in Basel und Zürich (19821995).
Buchveröffentlichungen zuletzt: Spiel Form Künste. Zu einer Kunstgeschichte des Improvisierens (Hamburg 2010), Pier Paolo Pasolini (München, 2010), Traum. Enzyklopädie
(München, 2010) www.khm.de/kmw/reck/ (khm)
www.hansulrichreck.de (Hans Ulrich Reck)
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Pier Paolo Pasolini Filmstill aus: Il Vangelo secondo Matteo, 1964 schwarzweiß, 142 min., Produktion: Alfredo Bini-Arco Film (Rom)/Lux C.ie Cinematographique de France (Paris), der Judaskuss.

Berlinde De Bruyckere Romeu 'my deer', 2010 - 2011 Aquarell und Bleistift auf Papier 32.4 x 24.77 cm Friedrich Christian Flick Collection

Berlinde De Bruyckere Untitled, 2010 Aquarell und Bleistift auf Papier 40.6 x 29.8 cm Ursula Hauser Collection, Switzerland

Berlinde De Bruyckere Into One-Another I. To P.P.P., 2010, Wachs, Epoxidharz, Holz, Glas, Eisen-Armaturen, 193 x 183 x 86 cm, Courtesy Hauser & Wirth Fotografie: Mirjam Devriendt

Berlinde De Bruyckere SchmerzensmanV, 2006 Wachs, Epoxidharz, Eisen, 420 x 8080 cm, PrivatsammlunSchweiz Fotografie: Mirjam Devriendt

Lucas Cranach d.Ä. Schmerzensmann, um. 1515 oder 1535 Rotbuchenholz, 56,9 x 39,6 cm, bez. unten rechts: Schlange mit aufgerichteten Flügeln nach links, Evangelische Kirchengemeinde Wörlitz © KSDW, Bildarchiv, Heinz Fräßdorf, 1999


