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14. November 2010, 21:28
Zwischen Vision und Albtraum
Yves Netzhammer. Das Reservat der Nachteile 05.11.2010 - 27.02.2011
Nach zahlreichen
Ausstellungsteilnahmen von Yves Netzhammer im In- und Ausland präsentiert das Kunstmuseum Bern eine grosse Einzelausstellung des Schweizer Medien- und Installationskünstlers. Gezeigt werden zwei spektakuläre, raumfüllende Installationen mit Videoarbeiten und Objekten, die der Künstler eigens für die Ausstellung konzipiert hat. Yves Netzhammers Werke kreisen um Fragen der Identität und der Beziehung des Menschen zu seiner Umwelt im heutigen Informationszeitalter. (Titelbild - Yves Netzhammer
Die Möbel der Proportionen Video- und Objektinstallation, Ton, 28.03min., 2008 Courtesy Yves Netzhammer und Galerie Anita Beckers, Frankfurt am Main)
Brüttisellen, 5.11.10 Red. (mk) Yves Netzhammer, 1970 in Schaffhausen geboren, lebt in Zürich und wurde mit allen wichtigen Kunstpreisen der Schweiz ausgezeichnet. Im Jahr 2009 erwarb die Stiftung GegenwART für die Sammlung des Kunstmuseums Bern die Installation Die Subjektivierung der Wiederholung. Projekt B (2007). Diese ist seit Mai 2010 für die nächsten fünf Jahre zu sehen und legte den Grundstein für eine vertiefte Auseinandersetzung mit dem einmaligen Werk von Yves Netzhammer.
Begehbare Gesamtkunstwerke
Neben dieser Installation hat der Künstler für die Ausstellung ein weiteres, raumfüllendes Werk mit dem Titel Das Reservat der Nachteile geschaffen, das den Altbau des Kunstmuseums Bern aus dem 19. Jahrhundert völlig transformiert. Wie Die Subjektivierung der Wiederholung. Projekt B (2007) bietet auch diese begehbare Installation dem Besucher eine ästhetische Erfahrung zwischen Vision und Albtraum.
An den Wänden hat Netzhammer ein Alpenpanorama in blau-schwarz gestaltet, das auf dem Kopf steht. 2,5 Meter hohe Vorhänge, die den Raum unterteilen, schliessen und öffnen sich wie von Geisterhand bewegt. So werden immer neue Durchsichten sowie Kompositionen von surreal anmutenden Objekten möglich. Netzhammers Installationen beinhalten am Computer generierte Animationsfilme und werden untermalt von Tonkulissen, welche Bernd Schurer komponiert hat. Zwischen diesen digitalen Welten entfaltet sich der Netzhammer’sche Kosmos als Gesamtkunstwerk aus Bild, Objekt, Ton und Bewegung.
Welt ohne Gewissheit
Yves Netzhammer thematisiert in seinen Werken das Verhältnis des Menschen zur Natur, die Beziehung zwischen unterschiedlichen Kulturen sowie Probleme der Identitätsbildung angesichts des zunehmenden globalisierten Informationsflusses in unserer Lebenswelt. Der Betrachter wird in Netzhammers Werken durch Spiegelungen oder Projektionen im Raum in die imaginäre Welt der Animationsfilme, Computerzeichnungen und skurrilen Objekten miteinbezogen. In Netzhammers Universum haben grundlegende Gesetze – wie die Zweckbestimmung von Gegenständen – ihre Gültigkeit verloren und es gibt keine Gewissheit mehr. Zunehmend stellt sich auch die Frage, inwiefern Selbst-gewissheit etwas Flüchtiges und nur von der Wahrnehmung Abhängiges ist. Die geheimnisvollen, geradezu unheimlichen Objekte, Wandmalereien und Videofilme beschwören eine kaum mehr vertraute Welt herauf. Immer wieder werden die
Vorurteile unseres Bilderdenkens in Frage gestellt und drängende Probleme unseres Lebens auf einzigartige Weise neu formuliert. So sind Netzhammers Installationen auch eine Zivilisationskritik und als vorsichtige Bilanzierung des Zustandes unserer Gesellschaft zu verstehen.
Nach Werkpräsentationen im Ausland, im Helmhaus Zürich (2003) und in der Kunsthalle Winterthur (2009) ist Das Reservat der Nachteile Yves Netzhammers erste grosse Einzelschau in einem Schweizer Kunstmuseum. Den Ausgangs- punkt für diese Ausstellung bildete die Installation Die Subjektivierung der Wiederholung. Projekt B (2007), welche 2009 von der Stiftung GegenwART und ihrem Mäzen Dr.h.c. Hansjörg Wyss angekauft wurde und nun im Kunstmuseum Bern für die nächsten fünf Jahre zu sehen sein wird.
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Für den Festsaal des Stettlerbaus hat Yves Netzhammer, der 1970 in Schaffhausen geboren wurde, in Zürich lebt und alle wichtigen Kunstpreise in der Schweiz bekommen hat, eine raumfüllende Installation entwickelt. Dabei musste der längliche rechteckige Grundriss und seine immense Raumhöhe bildhauerisch bewältigt sowie die Schwierigkeit gemeistert werden, dass dieser für die klassische Galeriehängung von Gemälden gebaute Tageslichtsaal kaum zu verdunkeln ist. Letzteres ist umso bedeutsamer, als Yves Netzhammer für seine Videoprojektionen und schlaglichtartig beleuchteten Installationen bekannt ist. Der Künstler ist dieser Herausforderung mit einer mobilen Architektur begegnet, welche sich aus unterschiedlichen surreal anmutenden Objekten zusammensetzt.
In den seitlichen, abgetrennten Kabinetten dagegen werden die beiden Videofilme Adressen unmöglicher Orte (2009, Farbe, Ton, 32 Min. 32 Sek.) sowie Die Möbel der Proportionen (2008, Farbe, Ton, 27 Min. 36 Sek.) gezeigt. Zwischen den digitalen Filmwelten entfaltet sich der Netzhammer’sche Kosmos in dreidimensionaler Form und setzt sich so zu einem Gesamtkunstwerk aus Bild, Objekt, Ton und Bewegung zusammen.
Die Binnenstruktur der Installation besteht aus Vorhängen, die wie von Geisterhand bewegt immer wieder neue Sichten auf die verschiedenen Objekte ermöglichen sowie sie in stets neuen Kompositionen zusammenführen. Die eindeutige und sofortige Orientierung wird auf diese Weise beharrlich unterlaufen. Im Zentrum des Saales wird ausserdem der dritte und eigens für die Ausstellung realisierte Videofilm Dialogischer Abrieb (2010, Farbe, Ton, 18 Min. 34 Sek.) gezeigt. Der Besucher und die Besucherin werden wie Alice im Wunderland in eine Welt versetzt, in der grundlegende Gesetze – etwa die Festigkeit von Gebäuden oder die Zweckbestimmung von Gegenständen – ihre Gültigkeit verloren haben. Ausgehend von der Erkenntnis, dass das Nachdenken über Räume jenem über Identitäten gleicht, hat Yves Netzhammer seine Ausstellungsräume in bildhafter Analogie zum Selbstbewusstsein einer Person konstruiert, die sich Chamäleonartig stetig wandelt. Damit formuliert der Künstler indirekt die Fragen, in welchem Verhältnis äusserliche Veränderung und inneres Selbstbild stehen und inwiefern Identität etwas Flüchtiges und nur von der Wahrnehmung Abhängiges ist? Der anspielungsreiche und hintersinnige Titel Das Reservat der Nachteile ist symbolisch zu verstehen. Die Installation und die Videofilme werden zu Sinnbildern für das menschliche Bewusstsein mit all seinen Abgründen.
Die geheimnisvollen Objekte, Wandmalereien und Videofilme erscheinen als Zusammenkunft wahrscheinlicher oder zukünftiger Begegnungen und Erlebnisse.Nach Werkpräsen-tationen im Ausland, im Helmhaus Zürich (2003) und in der Kunsthalle Winterthur (2009) ist Das Reservat der Nachteile Yves Netzhammers erste grosse Einzelschau in einem Schweizer Kunstmuseum.
Vorwort aus dem Katalog zur Ausstellung
Matthias Frehner
Wie die Kunst, die wir in unserer Ausstellung zeigen, gemacht ist, wie sie sich in die Gattung Medienkunst einordnet, welches sein Werkbegriff ist, erläutert Yves Netzhammer im Interview, das er zusammen mit Kathleen Bühler geführt und welches sie mit einem Glossar seiner wichtigsten Begriffe ergänzt hat. Ich beschränke mich auf meine persönliche Wahrnehmung von Netzhammers künstlichen Welten, die mich, seit ich ihnen in den neunziger Jahren in
Schaffhausen zum ersten Mal begegnet bin, geradezu magisch in Bann ziehen. Einwände gegen computergenerierte Kunst kommen gar nicht erst auf. Diese Vorbehalte – keine Handschriftlichkeit, keine Sinnlichkeit und Individualität, dafür Technik, Anonymität, kalte Künstlichkeit – überspringen Yves Netzhammers animierte Figuren in ihren hybriden Welten seltsamerweise seit je. Es war und ist noch immer so: Netzhammers Installationen ziehen mir den Boden unter den Füssen weg, sie katapultieren mich in eine andere Realität. Alles, was wir sehen, verläuft eine Zeit lang ruhig, ändert jedoch plötzlich seine Gestalt, streckt sich, reckt sich und ist im Handumdrehen etwas ganz anderes. Im Unterschied zur Videokunst einer Pipilotti Rist oder eines Olaf Breuning konfrontiert uns Netzhammer nicht mit illus-ionistischen Filmwelten, in denen Akteurinnen unser wirk- liches Leben über den Haufen rennen und schrankenlose Freiheit propagieren. Netzhammer geht es nicht darum, wie wir leben könnten, wenn wir bloss ein bisschen mutiger, frecher und tabulos wären. Netzhammer zeigt etwas grundsätzlich anderes. Er ist kein Moralist, ihm geht es um Existenzauslotung. Wir sehen unbeeinflussbare Kräfte walten, Wille ist nichts, es geschieht einfach, Vorher- sehbarkeit ist kein Thema, die Handelnden sind Spielbälle, die Welt ein Labyrinth. Aber wer zieht die Marionetten-fäden? Archetypische Situationen klingen an wie in Grimms Märchen. Netzhammers Kunst verweigert sich jedoch kategorisch einer Aufschlüsselung. Sie bleibt einzigartig, geheimnisvoll. Er ist ein Hieronymus Bosch in einer Welt ohne Gott.
Yves Netzhammer ist kein Star des Kunstmarktes. Er gilt noch immer als Geheimtipp, obgleich er in Museen bereits weltweit ein Begriff ist. Seine Werke sind meist ortsspezifisch und bestehen nur für die Dauer einer Ausstellung, was sie entsprechend schwer handelbar macht. Deshalb war es auch eine grosse Herausforderung für unser Museum, als die Stiftung GegenwART unseres Mäzens Dr. h. c. Hansjörg Wyss auf Antrag von Kathleen Bühler Netzhammers anlässlich der documenta 12 in der Karlskirche gezeigte Arbeit Die Subjektivierung der Wiederholung. Projekt B erwarb und im Kunstmuseum Bern neu aufstellen liess. Die Arbeit musste zum Grossteil neu geschaffen und auf unsere speziellen Raumverhältnisse angepasst werden, was mit hohen Kosten verbunden war. Bern ist das einzige Schweizer Museum, das eine derart grosse Netzhammer-Installation in seiner Sammlung zeigen kann. Dass dieses Werk als Kern der bisher grössten Netzhammer-Ausstellung in der Schweiz fungieren muss, war Kathleen Bühler von Anbeginn eine Zielvorstellung, für deren Realisierung sie mit viel Verve und Überzeugungskraft gekämpft hat. Yves Netzhammer drängte sich nicht auf, aber er liess sich vom Enthusiasmus der Kuratorin anstecken. Die Netzhammer-Begeisterung sprang über auf die Mitglieder des Stiftungsrates GegenwART und ihren Mäzen Dr. h. c. H ansjörg Wyss. Insbesondere Hedi Wyss, die als Kunstkennerin schon früh die Bedeutung des jungen Medienkünstlers erkannte, hat unser Projekt engagiert verteidigt und gefördert. Ihr, ihrem Bruder und dessen Stiftung GegenwART danken wir ganz herzlich für den Ankauf eines Hauptwerkes von Yves Netzhammer sowie die Mediendokumentation Yves Netzhammer.
Zur Ausstellung
Yves Netzhammer (
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Yves Netzhammer Die Subjektivierung der Wiederholung. Projekt B, 2007. Raumobjekt mit Spiegelwänden, Projektions-körper, Bodenrelief, Deckenbemalung, Projektionen, Ton 37’37’’ Min., Soundtrack Bernd Schurer, ca. 6,5 x 5 x 10 m. Kunstmuseum Bern, Ankauf Stiftung GegenwART Courtesy Yves Netzhammer und Galerie Anita Beckers, Frankfurt am Main Foto: Stefan Daub, Darmstadt. Installationsansicht in der Karlskirche Kassel, 2007

Yves Netzhammer Das Reservat der Nachteile Installationsarbeit mit Objekten, Vorhang und Filmen, 2010 Installationsansicht im Kunstmuseum Bern Courtesy Yves Netzhammer und Galerie Anita Beckers, Frankfurt am Main Foto: Dominique Uldry

Yves Netzhammer Das Reservat der Nachteile Installationsarbeit mit Objekten, Vorhang und Filmen, 2010 Installationsansicht im Kunstmuseum Bern Courtesy Yves Netzhammer und Galerie Anita Beckers, Frankfurt am Main Foto: Dominique Uldry

Yves Netzhammer Das Reservat der Nachteile Installationsarbeit mit Objekten, Vorhang und Filmen, 2010 Installationsansicht im Kunstmuseum Bern Courtesy Yves Netzhammer und Galerie Anita Beckers, Frankfurt am Main Foto: Dominique Uldry

Der Künstler vor seinem Werk im Kunstmuseum Bern Yves Netzhammer Die Subjektivierung der Wiederholung – Projekt B, 2007 Kunstmuseum Bern, Ankauf Stiftung GegenwART Courtesy Yves Netzhammer und Galerie Anita Beckers, Frankfurt am Main

Yves Netzhammer Adressen unmöglicher Orte Installationsarbeit mit Objekten und Film, 2009 Soundtrack Bernd Schurer Courtesy Yves Netzhammer und Galerie Anita Beckers, Frankfurt am Main

Yves Netzhammer Die Möbel der Proportionen Video- und Objektinstallation, Ton, 28.03min., 2008 Courtesy Yves Netzhammer und Galerie Anita Beckers, Frankfurt am Main

Yves Netzhammer Videostill aus Die Subjektivierung der Wiederholung. Projekt B, 2007 Raumobjekt mit Spiegelwänden, Projektionskörper, Bodenrelief, Deckenbemalung, Projektionen, Ton 37’37’’ Min., Soundtrack Bernd Schurer, ca. 6,5 x 5 x 10 m. Kunstmuseum Bern, Ankauf Stiftung GegenwART Courtesy Yves Netzhammer und Galerie Anita Beckers, Frankfurt am Main


