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14. November 2010, 21:30
Ist Lust Sünde, ist Sünde Lust?
Die 7 Todsünden von Dürer bis Naumann
Das Kunstmuseum Bern und das Zentrum Paul Klee präsentieren in enger Zusammenarbeit eine gemeinsame Ausstellung über die sieben Todsünden. Zu sehen sind Werke aus elf Jahrhunderten – vom 11. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Die Ausstellung zeigt in der Gegenüberstellung von älterer und zeitgenössischer Kunst den Wandel der Bedeutung der sieben Todsünden und fragt in lustvoller Weise, welche Relevanz der Sündenbegriff heute noch hat. Dank der Zusammenarbeit beider Häuser können neben Werken aus den
eigenen Beständen hochkarätige Leihgaben präsentiert werden. ***1 Ausstellung, 2 Orte Lust und Laster. Die 7 Todsünden von Dürer bis Naumann Die Koproduktion von Kunstmuseum Bern und Zentrum Paul Klee 15.10.2010 - 20.02.2011. Bild Martin Parr Luxury USA, Los Angeles, 2008
C-Print, Ex. 2/10, 50,8 x 76,2 cm Galerie Nicola von Senger, Zürich.
Brüttisellen, 12.10.10 mk-kmb (mk) Die Schau ist in acht Kapitel gegliedert, die über beide Häuser verteilt sind. Nach einer Einleitung mit zyklischen Darstellungen sind im Kunstmuseum Bern die Werke zu Superbia (Hochmut/Eitelkeit), Invidia (Neid), Ira (Zorn) und Avaritia (Geiz/Habgier) zu sehen, im Zentrum Paul Klee jene zu Acedia (Trägheit), Gula (Völlerei) und Luxuria
(Wollust). Anhand ausgewählter kulturhistorischer Artefakte wird im Zentrum Paul Klee zudem der Frage nachgegangen, welche Verhaltensweisen bzw. Laster in der heutigen Gesellschaft akzeptiert oder geächtet werden und inwiefern gewisse Laster eine positive Umdeutung erfahren haben.
Lust und Laster gestern und heute
Seit die kirchliche Morallehre im Laufe des 19. und 20. Jahrhunderts ihren prägenden Einfluss auf die Gesellschaft verloren hat, scheint das Konzept der sieben Todsünden nicht mehr zeitgemäss. Doch wie die Flut künstlerischer, literarischer und wissenschaftlichen Bearbeitungen der letzten Jahre beweist, ist das Thema nach wie vor
hochaktuell. Der Grund liegt darin – so die These der Ausstellung –, dass die Todsünden von Anfang an nicht nur ein Mittel zur Disziplinierung der christlichen Bevölkerung im Namen einer höheren Moral waren, sondern zugleich eine Art Leitplanken, die das Funktionieren der Gesellschaft gewährleisten sollten.
Mit dem sozialen und ökonomischen Wandel der letzten Jahrhunderte hat sich auch die Beurteilung der Todsünden verändert. Die Haltung der Gesellschaft zu den Sünden ist heute zwiespältig. Einerseits sind Habgier, Neid oder Völlerei (in Form von Konsumismus) die Triebfedern des kapitalistischen Wirtschaftssystems. Und die sexuelle
Freizügigkeit, also die Wollust von gestern, ist in weiten Kreisen gesellschaftsfähig. Andererseits werden eben diese Verhaltensweisen heute noch gebrandmarkt, wenn sie die Gesellschaft schädigen oder ihr Gleichgewicht zu gefährden drohen. So wird die Habgier der Manager als Abzockermentalität verurteilt, das Konsumverhalten der
Wegwerfgesellschaft als oberflächlich und sinnentleert empfunden.
Diese Ambivalenz des Lasterbegriffs spiegelt sich sowohl in der alten wie in der neueren Kunst wider. So mögen beispielsweise die Bilder der holländischen Genremaler, welche die menschlichen Laster oft und gerne darstellten, zwar moralisch gemeint sein, doch zeigen sie eben auch sehr anschaulich den Genuss der Sünder – etwa beim Trinken, Essen oder Rauchen. Umgekehrt widerspiegeln zeitgenössische Kunstwerke neben der Lust am Tabubruch oft auch das Bedürfnis nach moralischen Leitplanken und Verhaltensregeln in einer Welt, in der (fast) alles erlaubt ist.
Hochkarätige Werke
Präsentiert werden Werke aus elf Jahrhunderten – vom 11. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Handschriften, Grafiken, Gemälde, Fotografien, Installationen und Videos veranschaulichen in eindrücklicher Weise die verschiedensten Aspekte des Sündenkanons.
Dank der Zusammenarbeit von Zentrum Paul Klee und Kunstmuseum Bern ist es gelungen, hochkarätige Exponate wie die Antwerpener Tafel mit der Darstellung des Jüngsten Gerichts aus dem späten 15. Jahrhundert oder eine bedeutende Anzahl von holländischen Genrebildern aus dem 17. Jahrhundert von Künstlern wie Adriaen Brouwer, Jan Steen, Jacob Jordaens und Adriaen von Ostade als Leihgaben zu erhalten. Des Weiteren figurieren in der Ausstellung Werke von Peter Paul Rubens, Thomas Couture, Franz von Stuck, Gustav Klimt, Otto Dix und natürlich Paul Klee. Neben einer grossen Installation von Bruce Nauman an der Fassade des Kunstmuseums Bern sind zahlreiche weitere Arbeiten wichtiger zeitgenössischer Künstlerinnen und Künstler zu sehen (unter anderem von Marlene Dumas, Gilbert & George, Andreas Gursky, Annette Messager, Cindy Sherman und Erwin Wurm).
Kunstmuseeum Bern
http://www.kunstmuseumbern.ch/index.cfm?nav=567,1252&DID=9&SID=1 (Besucherinfo)
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Bruce Nauman Vices and Virtues, 1983–1988/2008 Neon-Schrift (18-teilig), Ansicht der Installation am Kunstmuseum Bern Courtesy of the artist and Stuart Collection, University of California, San Diego. Foto: Markus Mühlheim © 2010, ProLitteris, Zürich

Alejandro Vidal An Anatomy of Violent Crime, 2004 C-Print / Dibond, 125 x 185 cm Galería Joan Prats, Barcelona

Thomas Couture La soif de l’or, 1844 Öl auf Leinwand, 152 x 189,5 cm Musée des Augustins, Toulouse BILD

Sigmar Polke Ohne Titel, 1973 Gouache auf Papier, 69,5 x 99,5 cm Kunstmuseum Bern Sammlung Toni Gerber, Bern – Schenkung 1983 © 2010, ProLitteris, Zürich

Daniela Rossell Untitled (Itati next to her pool), aus der Serie „Third World Blondes“, 2001 C-Print, 75 x 100 cm Galleria Alberto Peola, Turin

BILD 13 Markus Muntean / Adi Rosenblum Untitled (Everything was as it had...), 2001 Acryl auf Leinwand, 200 x 250 cm Sammlung Dr. Fuchs, Wien


