Samstag, 26. Mai 2012, 19:26:45 Uhr

18. Mai 2010, 22:31

Isefjord: Sternschnuppen in der Fischerkneipe

Die Leute von Odsherred zwischen Kattegat und Isefjord im Nordwesten der Insel Seeland schwärmen gern von „Licht, Leben und Landschaft“. Vom Wind sagen sie nichts. Schon gar nicht steht in ihren Prospekten, dass der Wind so gut wie immer von vorne bläst, den vielen Ferienradlern auf dem Cykelvej direkt ins Gesicht. Aber diese Dauerbrise hält frisch, und sie erhöht die Vorfreude aufs nächste Ziel: den gastfreundlichen Künstlerhof, das spannende Vogelschutzgebiet, die Kinderparadiese, die Fähren und Dampfer auf den Binnengewässern, die nächste Softeisbude und natürlich die Fischerkneipe, in der es Sternschnuppen regnet, davon wird noch zu reden sein.Titelbild Hornbäk Dünenplantage Fotograf Niels Thye.

18.5.2010 Brüttisellen, Red. (mk) Eine Halbinsel ist dieses Odsherred, etwas über eine Stunde Autofahrt von Kopenhagen entfernt, von der Eiszeit zerfasert, mit lauter Landzungen, die ins Meer oder in einen der Fjorde lecken, in den winzigen Lammefjord, den kleinen Holbækfjord und den – für dänische Verhältnisse – geradezu riesengroßen Isefjord. Mehr Dänen als Deutsche machen hier Urlaub, und am Wochenende trifft man vor allem gut situierte Kopenhagener an den Traumstränden von Nyrup und Sejerø und in den ambitionierten Lokalen in der Fußgängerzone von Nykøbing. Von diesem Hauptstädtchen der Region, dessen Einwohnerzahl von knapp 6.000 im Sommer gern mal auf das Dreifache hochschnellt, starten fast alle Rad- und Wandertouren. Sie sind von dänischen Dimensionen und deshalb mit liebenswerten Abenteuern so bunt gesprenkelt wie der Streusel auf dem Softeis.

Nehmen wir nur Ane Meinert Folke, die Goldschmiedin, und Martin Nybo Jensen, den Keramiker. Die beiden Künstler teilen sich ihre Arbeitsplätze in einem hübschen alten Haus am Hafen von Nykøbing, das sie „Muld plus Guld“ nennen, (gute) Erde und Gold. Sie machen wunderschöne Sachen, Schmuck, Objekte, Skulpturen, und sie lachen gern, erzählen von ihrer Arbeit und ihren Pausen, in denen sie den Segelbooten und den Möwen zuschauen und sich vom Leben ringsherum inspirieren lassen. Humor ist übrigens das „offizielle“ Lebensmotto von Ane, Munterkeit hat Martin auf seine Seite der gemeinsamen Visitenkarte eingetragen.

Madkunst

Mit den gleichen Eigenschaften begrüßt auch Henriette Larsen die Gäste im besten Lokal von Nykøbing. „Madkunsten“ heißt es, Speisekunst. In der Küche steht ihr Mann Michael und zaubert grüne Muschelsuppe mit Seehasenrogen und gerösteten Heilbutt mit Mandeln in die cool aufgemachte Wirtschaft. Michael betreibt auch eine lokale Brauerei, und er hat das Tinghuset, das ehemalige Gefängnis von Nykøbing, in ein Hotel verwandelt. Aus den Zellen wurden helle Zimmer, nett und komfortabel eingerichtet, und das Büfett zum Frühstück verrät die Nähe zur den Speisekünsten.

Ein paar Kilometer nur sind es von Nykøbing nach Rørvig. Mit dem Fahrrad lässt sich locker eine Tagestour voller Überraschungen daraus machen. Zum Beispiel, bei der ersten Pause, mit dem Ausspähen von Kampfläufern und dem Großen Brachvogel, der Pfuhlschnepfe und dem Rotschenkel. Über 200 Vogelarten nisten, schnattern und flattern im feuchten Schutzgebiet von Hovvig, einem Paradies für Ornithologen seit 1930 schon. Libellen teilen sich den Luftraum mit dem Federvieh, weiße Wolkentupfer hängen am Sommerhimmel, Störche waten über die Wiesen, und am alten Lotsenpfad weht die dänische Fahne. Es ist ein Tag wie aus einem Märchenbuch von Andersen.

Glaskunst

In der „Galleri Brantebjerg“, bei Emilia und Pawel Wedrowski, polnischen Künstlern, die seit 35 Jahren auf Odsherred leben, bewundern wir dänische und internationale Grafik und Glaskunst, essen mit den Galeristen, die selber auch Künstler sind, eine Schale frisch gepflückter Kirschen leer und schlagen dann einen romantischen Weg entlang der großen Inlandsdüne Højsandet ein, Richtung Rørvig. Bauern haben in alter Zeit vorgesorgt und mit Reisiggeflecht verhindert, dass der Flugsand ihre Felder vernichtet.

Rørvig: Bauernblumen in Vorgärten, Fischerkaten, die das Strohdach so weit heruntergezogen haben, als trügen sie selbst im Sommer eine Mütze. Ein Hafen, aus dem die Fähre nach Hundested abfährt und direkt am Wasser ein Kro, wie er dänischer kaum sein kann. Henrik Nielsen führt ihn mit praller Lebensfreude. Seine Spezialität sind Stjerneskud, Sternschnuppen auf dem Teller: jeweils ein gekochtes und ein gebratenes Schollenfilet gehören dazu, auch Krabben, Spargel, dänischer Kaviar und obendrauf dänische Remoulade, dazu dänisches Bier und ein dänischer Snaps. Für diesen Genuss haben wir doch glatt eine Fähre übersprungen.

Lebenskunst

Wenn wir nicht sowieso auf dem Wege rund um den Isefjord und sogar zum Roskildefjord immer wieder mit kleinen Schiffchen und alten Dampfern übersetzen müssten, würden wir an manchen Stellen am liebsten zwei- oder dreimal hin- und herfahren. Mit der „Columbus“ zum Beispiel, die aus dem Jahre 1947 stammt. Genau sieben Minuten dauert die Reise von Store Karlsminde nach Kulhuse. Das reicht Kapitän Jan, der einen Vollbart trägt und – ehrlich - einen Papagei auf der Schulter sitzen hat, zu erzählen, was er in der Südsee getrieben und wie er in der Antarktis mit Pinguinen getanzt hat.

Odsherred und seine Nachbarschaft: beruhigende Landschaften, in denen sich die Gäste soviel Zeit nehmen sollten wie die Dänen vor Ort. Wo werden schon bei hausgemachtem Holunderbeersaft auf einem ländlichen Kunsthof die Stilrichtungen von gestern und das Wetter von morgen ausführlich besprochen. Wo wird schon auf jedem Dorf, in jedem Kro nach gut dänischer Art gefeiert, dass sich die alten Balken biegen. Und wo schon macht ein Verkehrsverein den Gästekindern und ihren Großeltern (mit eigenen, kostenlosen „Oma-und-Opa-Karten“) soviel Lust auf gespenstische Angeltouren „...mit brutalen Krabben, gemeinen Garnelen, Knurrhähnen und Bastardmakrelen...“ und auf kuschelige Bauernhof-Besuche: „Jeden Mittwoch könnt ihr beim Melken der Kühe zuschauen und unsere Schweine hinter den Ohren kraulen...“

INFO:

ANREISE: Über die Vogelfluglinie oder per Fähre Rostock-Gedser nach Lolland, Falster und Seeland. Über die E 55/47 bis Køge, von dort über Roskilde zur Fähre nach Hundested-Rørvig. Natürlich lässt sich auch Kopenhagen leicht in die Reiseroute einbauen.

UNTERKUNFT: Originell im „Tinghuset“, dem ehemaligen Gefängnis von Nykøbing (DZ 80 €, Tel. +45 5993 1727, www.restaurant-madkunsten.dk); komfortabel im Ferienzentrum Rørvig (DZ ca. 140 €, www.rorvig-centret.dk; familienfreundlich in schönen, modernen Reihen-Ferienhäusern oder Hausbooten am Hafen von Nykøbing (eine Woche ab ca. 450 €, www.feriepartner-odsherred.dk.

KUNSTHANDWERK: Galleri Brantebjerg, Emilia & Pawel Wedrowski, Nakke Nord 65, DK-4500 Nykøbing Sj., Tel. +45 5991 9153, www.galleribrantebjerg.dk. Muld plus Guld, Ane Meinert Folke & Martin Nybo Jensen, Havnevej 26, DK-4500 Nyk. Sj., Tel. +45 5993 2060, www.muldplusguld.dk.

RESTAURANTS: Ambitionierte leichte Küche im „Madkunsten“ in Nykøbing, Tel. +45 2022 4645; dänisch-französische Landküche im alten Kro von Højby, Tel. +45 5930 2051.

AUSKUNFT: Das Odsherreds Turisbureau in Nykøbing (Tel. +45 5991 0888) hat umfangreiche E-Magazine zum Thema Kunstroute und Nahrungsmittel-Erzeugerroute Odsherred online: www.visitodsherred.dk.

VISITDENMARK: Bei Dänemarks offizieller Tourismuszentrale sind überregionale Informationsbroschüren und Straßenkarten erhältlich: VisitDenmark, Postfach 70 17 40, D-22017 Hamburg, Tel. 018 05 / 32 64 63 (14 Ct./Min. Festnetz), www.visitdenmark.com (mit Onlinebuchung von über 26.000 Ferienhäusern sowie fast 300 Hotels).

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