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23. Oktober 2009, 20:10

Mit der Metro in die Zukunft

Architektour durch Kopenhagens neue Ørestad

Kopenhagen setzt Zeichen in Sachen zeitgenössischer Architektur. Neueste Attraktion für Freunde außergewöhnlichen Bau-Designs ist die Anfang des Jahres eröffnete Konzerthalle des öffentlich-rechtlichen Fernseh- und Radiosenders Danmarks Radio im neuen Stadtteil Ørestad. Der finnische Spezialveranstalter Archtours bietet jetzt gemeinsam mit VisitDenmark und der Deutschen Bahn Thementouren an.

Brüttisellen, 23.10.09 (mk) Kopenhagen, 19. Oktober 2009 (vdk) Das neue Kopenhagen beginnt am Kongens Nytorv. An der Metro-Station in der Altstadt der dänischen Hauptstadt und im Schatten der traditionsreichen Adressen von Königlichem Theater und Luxuskaufhaus Magasin du Nord erwartet uns Saana Rönkönharju. Ziel unserer Architekturtour: Kopenhagens neuer Stadtteil Ørestad auf der Insel Amager.

"Die Metro ist eines der modernsten öffentlichen Verkehrsmittel der Welt – und so etwas wie die Lebensader der Ørestad", begründet die finnische Architektin vom Architekturreiseveranstalter Archtours den Treffpunkt. "Als Besucher erlebt man mit der Metro die Kontraste der dänischen Hauptstadt noch deutlicher als mit Rad oder Auto: hier die jahrhundertealte historische City, dort die futuristische Architektur der Ørestad."

Per Rolltreppe geht es durch die taghelle Metro-Station – deren schon 2005 mit dem Nordischen Lichtpreis (Nordisk Lyspris) ausgezeichnetes klares Design teilweise vom dänischen Designer Knud Holscher stammt – hinunter zum Bahnsteig. Schon fährt die M1 ein. Lautlos öffnen sich die Glastüren zur führerlosen U-Bahn. Einige Minuten geht es durch Tunnel, ehe die Metro bei Islands Brygge Tageslicht erreicht. Nach zwölf Minuten Ausstieg an der Station Ørestad.

Hier kreuzt sich die städtische Metro mit dem Intercity und der Autobahn zwischen Hamburg, Öresundbrücke und Stockholm. Mit Skandinaviens größtem Kaufhaus, Field's, und dem Hauptsitz des Pharmaunternehmens Ferring liegen hier zwei der ersten Anrainer der Ørestad.

Lebenswert und prämiert

Wir gehen in die Gegenrichtung und erreichen nach wenigen Minuten das Ørestad Gymnasium. Der helle, öffentliche Bau des Architekturbüros 3XN ist mehr als "nur" funktional: Als eines der zentralen öffentlichen Gebäude der Ørestad – in der in wenigen Jahren 80.000 Menschen arbeiten und studieren sowie 20.000 wohnen sollen – wirkt die 12.000 Quadratmeter große Schule wie eine Landmarke zu den Stichworten Offenheit und Flexibilität. Gelernt wird in freien Arbeitsräumen, diskutiert oder entspannt in für alle zugänglichen Ruhezonen. Dass im 2007 eingeweihten Ørestad Gymnasium mehr als 1.000 Schüler lernen, mag man als Laie kaum glauben.

Gleich nebenan liegen zwei der großen und mehrfach prämierten Wohngebäude der Ørestad: Die charakteristischen "WM Häuser" mit ihren rund 200 Eigentumswohnungen und den gezackten, schiffsförmigen Metallbalkonen (dän. VM husene; 2005) entwarfen 2001 die Architekten Julien de Smedt und Bjarke Ingels vom Büro PLOT.

Inzwischen selbständig, gestaltete der längst zum Architektur-Nachwuchsstar aufgestiegene Bjarne Ingels auch den "WM Berg" (VM Bjerget; 2008) - ein Wohnhaus mit Eigentumswohnungen, die über elf Geschosse verteilt sind und alle einen eigenen Balkon besitzen. "Fundament" des vom Mount Everest inspirierten Gebäudes ist ein Parkhaus, das auch für Underground-Kulturevents genutzt wird. 2008 wurde VM Bjerget preisgekrönt als weltbestes neues Wohngebäude.

Offene Bauweise mit Nachteilen

Anschließend fahren wir wieder zwei Stationen Metro, zurück Richtung Kopenhagener Innenstadt. Ausstieg "DR byen": Auffällig strahlt ein blauer Kubus uns entgegen – der Anfang des Jahres eingeweihte Konzertsaal des Dänischen Rundfunks (DR) aus der Feder des internatonalen Stararchitekten Jean Nouvel. "Die blaue Fassade ist vermutlich provisorisch", sagt Saana Rönkönharju. "Ursprünglich sollte der Saal für klassische Konzerte eine multimediale, interaktive Verkleidung erhalten – dies war aber derzeit nicht finanzierbar." Über einen Glasgang mit dem Konzerthaus verbunden – und getrennt von einem Kanal, der die gesamte Ørestad durchzieht und gleichzeitig gliedert – sind die Verwaltungs- und Sendegebäude des öffentlich-rechtlichen dänischen Radios und Fernsehen DR. Auch sie ebenso funktional wie sehenswert. Ausnahmen bestätigen die Regel: Die offene Bauweise führte dazu, dass viele Mitarbeiter im Winter in ihren Büros froren ...

Nun steht die letzte Etappe unserer Ørestad-Erkundung an: Gleich hinter der "Radio-Stadt" liegt Kopenhagens neue IT-Universität, ein kreativer Studien- und Zukunfts Freiraum vom dänischen Architekten Henning Larsen, der auch Kopenhagens neue Oper am Hafen schuf (2002). Schräg gegenüber ein weiterer Markstein der Ørestad: Das runde Tietgenkollegiet ist das Ergebnis eines 2001 ausgeschriebenen Architekturwettbewerbs für das "Studentenwohnheim der Zukunft". Das Ergebnis der Architekten Boje Lundgaard und Lene Tranberg sowie der Landschaftsa rchitekten Marianne Levinsen und COWI ist ebenso sehens- wie lebenswert. Fast 400 Studenten wohnen seit 2006 in dem runden Wohnheim, das 330 Einzel- und 30 Doppelzimmer-Einheiten bis 33 Quadratmeter besitzt. Hauptmerkmal des Tietgenkollegiets ist "Fællesskab" - der typisch nordische Gemeinschaftssinn spiegelt sich in den beliebten gemeinsamen Wohn- und Küchenräumen wieder. Räume zum Diskutieren, Reden und Leben.

Endpunkt unserer Ørestad-Tour ist "Boligslangen", ein langgestrecktes Wohngebäude mit insgesamt knapp 300 Eigentums-, Genossenschafts- und Mietwohnungen. Die "Wohnschlange" ist der größte Komplex der Ørestad und stammt von Domus Arkitekter A/S (bezogen 2005/06). Von der nahen Metro-Station Islands Brygge fahren wir zurück zum historischen Zentrum Kopenhagens. Ausstieg Kongens Nytorv, im "klassischen" Kopenhagen. Ob zukünftige Generationen die Ørestad genauso lebenswert finden wie wir die Altstadt der dänischen Metropole? Diese Frage muss offen bleiben – das Potenzial für eine positive Antwort aber ist ohne Zweifel vorhanden.

DÄNEMARKTOURS

Text: Christoph Schumann
Fotos: Dänemark Tourismus

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