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14. Oktober 2009, 13:58
Naturphilosophische Gartenromantik von 1790
Møns Liselund Slotspark
Die Insel Møn ist klein, gerade mal 35 Kilometer lang und sieben Kilometer an der breitesten Stelle. Aber der Dänemark-Urlauber kommt an ihr kaum vorbei. Zählt sie doch zu den populärsten Reisezielen im Land. Auch Günter Grass gehört zu denjenigen, die regelmäßig wiederkommen. So schreibt er: „Wir sind Sommer für Sommer Touristen, legen den Kopf in den Nacken, und sehen hoch zu den Kuppen der Kreidefelsen, die Klinten heißen und dänische Namen tragen.“ -Titelbild Niels Thye-
Brüttisellen, 14.10.09 (mk) Møn, 14. Oktober 2009 (vdk) Sie sind die Stars der Ostseeinsel, die berühmten Kreideklippen von Møn. Statt- liche 130 Meter ragen sie in den dänischen Himmel, und das über eine Länge von über zwölf Kilometern. Ein grandioses Naturschauspiel wartet auf die Frühaufsteher, die schon zum Sonnenaufgang vor Ort sind. Sie kommen mit Frühstücks-körben, Kameras und Ferngläsern, und warten auf den magischen Moment. Und wenn es dann endlich soweit ist, geht ein Raunen durch die Menge der Schaulustigen. Mit den ersten Sonnenstrahlen erstrahlen die Spitzen der 75 Millionen alten Kreideklippen in herrlichen Rottönen. Und eh man sich versieht, ist die gesamte Szenerie in ein blendend weißes Licht getaucht.
Naturphilosophie
„Jedes Mal finde ich eine Kulisse vor, als sei ich noch nie hier gewesen“, schrieb 1852 der Klippenbesucher Hans Christian Andersen in seinen Aufzeichnungen. Er liebte die Insel Møn, und er liebte das Schloss Liselund. Wenn man vor dem strohgedeckten Puppenschlösschen steht, weiß man, warum.
Man schrieb das Jahr 1783, als der Kammerherr Antoine de la Calmette mit seiner Frau Elisabeth, genannt Lise, auf der Suche nach einem echten Stück Natur war. Er hatte eine genaue Vorstellung von seinem kleinen Paradies, und schritt so manche Parzelle auf der Insel ab. Sumpfige Wiesen, dichter Wald und undurchdringliches Dickicht waren für ihn kein Hindernis, seinem Traum hinterher zu jagen. Schließ- lich wurde er fündig und erwarb ein großzügiges Stück Land. Der ehemalige Name Sömarkegaard wurde in Liselund umg- ewandelt.
Antoine und Lisa führten eine glückliche Ehe, und waren wohl bewandert in Kunst und Literatur. Auf ihren Reisen quer durch Europa fanden sie Gefallen an Rousseaus Naturphilosophie. Sie ließen sich inspirieren und schufen in akribischer Kleinarbeit im Jahre 1790 den Liselund Park. Antoine war besessen von dieser Aufgabe, und sämtliche Gebäude und Parkanlagen wurden bis ins kleinste Detail hinein von ihm bearbeitet. Er liebte diesen Ort und die Person, die dem Park seinen Namen gab: Liselund ist eine Liebesgabe an seine Frau Lise.
Leider starben Antoine und Lisa viel zu früh, und sie hinterließen ihrem einzigen Sohn Charles (1781-1820) das gesamte Anwesen. Der heiratete 1810 Martha Mackeprang, doch ihre Ehe blieb kinderlos. Der junge Kammerherr hatte in Geldangelegenheiten keine glückliche Hand, und so wurde nach seinem Tode Liselund verkauft. Seine Frau lebte als Witwe noch weitere 57 Jahre im Schloss Liselund. Man munkelt, dass sie bis zu ihrem Tod der festen Überzeugung war, immer noch Besitzerin Liselunds zu sein. Man ließ sie in dem Glauben.
Zauberwald
Nach einem köstlichen Mittagessen im Liselund Ny Slot, das heutige Hotel steht südwestlich von Antoine de la Calmettes kleinem strohgedeckten Lustschlösschen, machen wir uns auf den Weg durch den Park. Er gehört mit Sicherheit zu den schönsten Beispielen romantischer und englischer Garten- kunst in Dänemark und Skandinavien. Als die Calmettes das Grundstück erwarben, war es eine einzige Wald- und Moorlandschaft. Antoine pflanzte selbst Kastanien, Maul- beeren und Wallnussbäume, und in nur zehn Jahren entstand eine Anlage nach europäisch romantischem Vorbild. Liselund ist ein Park der Gefühle und Sinne, geschaffen als Gegen-gewicht zum Barockgarten.
Schon bei meiner Ankunft war mir die Rosskastanienallee aufgefallen. An der Lichtung am Eingang erspähte ich das erste Mal Gebäude und Pavillons, die wie in einen Zaube- rwald integriert waren. Kleine Pfade und Wege führen zu Seen, Gewässern und Aussichtspunkten. Ich bin überwältigt von dieser Pracht und Anmut. Hier erwandert man sein eigenes „Naturmärchen“.
Wir stehen vor einem kleinen Wasserlauf, und blicken auf Monumente, die an Geschichte und ferne Länder erinnern: eine ägyptische Pyramide, eine griechische Ruine, ein Hünengrab und ein chinesischer Teepavillon. In der Schweizerhütte fand H.C. Andersen Inspiration zu seinem Märchen „Das Feuerzeug“. Ursprünglich gehörten zum Park auch noch eine kleine Kapelle, ein Badehaus und ein botan-ischer Garten. Ein Erdrutsch im Jahre 1905 riss diese Monumente jedoch ins Meer.
Rauschende Feste
Das kleine reetgedeckte Schloss erinnert an ein Landhaus im neuklassizistischen Stil. Überall gibt es große Fenster und Glastüren, es ist für jene Zeit ungewöhnlich offen gebaut. Gekonnt platzierte Spiegel lassen die Räumlichkeiten weitläufiger als in der Realität erscheinen. Hier spaziert die Natur förmlich hinein, hier öffnet sich die Seele. Während im unteren Bereich das Esszimmer den Hauptraum bildet, befinden sich im Obergeschoß neun kleine Schlaf-zimmer. Vom Eingangsbereich fü hren Türen ins „Gespenster-zimmer“ und ins „Affenzimmer“. Letzteres ist mit klassi-zistischen Ornamenten und Medaillons mit Figuren geschmückt. Ein riesiger Spiegel in der Mitte des Raums bietet einen wunderschönen Blick auf die Waldlandschaft. Wenn sich im letzten Abendlicht die Sonne in den Fenstern bricht, und lange Schatten durch den Park wandern, ist der Besucher einfach nur verzaubert von diesem Ort der Stille.
Die Inneneinrichtung ist schlicht, aber geschmackvoll. Mit viel Liebe wurden die einfachen Möbelstücke geschickt platziert, und sie versprühen einen Hauch von elegantem Luxus in französischem und englischem Stil. Für Liselund ist die Bezeichnung Schloss schon ein wenig irreführend. Schließlich dient ein solches Gebäude in der Regel zum Wohnen. Mag sein, dass ab und zu jemand sein müdes Haupt in einem der Miniaturzimmer zum Schlafen bettete, aber das war nicht die Regel. Hier traf man sich normalerweise, um rauschende Feste zu feiern, sich nach Herzenslust kuli- narischen Freuden hinzugeben, oder einfach nur um Erholung und Entspannung zu suchen.
Mit seinem ländlichen Strohdach, den weißgekalkten Wänden und der schmalen Turmspitze wirkt Liselund nicht nur romantisch, sondern repräsentiert eine Epoche, die ihresgleichen sucht. Hier erzählt jeder Baum seine eigene Geschichte, hier öffnen sich einem neue Welten. Eine Inspiration der besonderen Art. Wenn man einmal durch den 200 Jahre alten Park gewandelt und an stillen Plätzen zur Ruhe gekommen ist, kann man die dänischen Künstler ver- stehen, die hier zu sich selbst gefunden haben.
Text: Roland Jung
ANREISE
Aus welcher Region in Deutschland Sie auch immer in Richtung der Insel Møn aufbrechen, die schnellste und einfachste Verbindung ist nach wie vor die Fahrt die Fähre ab Puttgarden nach Rødby und von Rostock nach Gedser www.scandlines.de. Erreicht man dann nach dieser angenehmen Unterbrechung Dänemark, sind es nur noch stressfreie 90 Kilometer bis Møn bzw. 1 Stunde Fahrt, und der Urlaub kann beginnen.
LISELUND SLOT
Langebjergvej 4, DK-4791 Borre, Møn. Führungen nur von Mai bis September, Tel. +45 5581 2178,
nationalmuseet
LISELUND NY SLOT
Fast 100 Jahre später, im Jahre 1887, bauten Baronesse Oluffa Krabbe und Baron Fritz Rosenkrantz das Neue Schloss Liselund im westlichen Teil des Gartens, auf einem Hügel, mit Aussicht quer über die Parkanlage. Es gingen nochmals 100 Jahre ins Land, jetzt mit der Familie Rosenkrantz als Bewohner des neuen Liselund Schloss. Doch 1960 war das Schloss wieder unmodern geworden und zu teuer, um darin zu wohnen. Die Familie suchte sich einen neuen Wohnsitz und das Haus fristete einige Jahre ein Dasein als Wander- und Schullandheim. 1980 wurde das neue Schloss zusammen mit einem 5.000 Quadratmeter großen Grundstück vom Staat gekauft. Danach stand das Gebäude viele Jahre leer. 1989 wurde es an die jetzigen Inhaber, Krista und Steffen Steffensen, verkauft. Es wurde gründlich renoviert und als reizvolles Schlosshotel mit 17 wunderbaren Zimmern, Restaurant und Café eingerichtet. Adresse: Liselund Ny Slot, Langebjergvej 6, DK-4791 Borre, Tel. +45 5581 2081, www.liselundslot.dk. Doppelzimmer 1.640 Kronen (220 Euro).
MØN TURISTINFORMATION
Storegade 2, DK - 4780 Stege, Tel. +45 5586 0400, www.visitmoen.com. http://www.skovognatur.dk/NR/rdonlyres/D32219B2-50A7-4C59-8E13-3ADBDFB45F21/0/53_Moen_DE_A3.pdf (Das dänische Forstamt hat einen pdf-Informationsfolder über Møns
Klint herausgegeben)
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Foto Niels Thye

Foto Niels Thye



