Samstag, 26. Mai 2012, 19:02:46 Uhr

13. Mai 2009, 22:13

Der glückliche Viehhirt von der Seiser Alm

„In meinem ganzen Leben war mir noch nicht langweilig.“ Peter Sattler blickt über die Seiser Alm und scheint erstaunt, dass man ihm eine solche Frage stellen konnte. Der 54-Jährige ist einer der wenigen noch verbliebenen Saltner in Südtirol. Neben dem Bergsaltner, der sich um das Vieh auf der Alm kümmert, gab es früher den Landsaltner, der die Obstwiesen und Weinberge im Tal beaufsichtigte. Noch vor wenigen Jahrzehnten hatte jede Gemeinde einen solchen Viehaufseher, heute sind es in Südtirol höchstens drei, vier. Der Beruf des Berghirten ist selten geworden in einer Zeit, in der die Landwirtschaft zum Großteil maschinell organisiert ist.

Brüttisellen, 13.5.09 (mk) Peter Sattler ist von der Gemeinde Kastelruth angestellt, um im Sommer 350 Jungrinder und 50 Pferde zu beaufsichtigen. Für den Außenstehenden scheint es unmöglich, die Tiere auseinanderhalten zu können: Auf den ersten Blick sehen alle gleich aus – meist weiß-braun oder weiß-schwarz gescheckt und immer der gleiche, stoische Gesichtsausdruck. Ein Eindruck, den man im Gespräch mit Sattler besser für sich behält. Für ihn ist jedes Tier einzigartig: „Gesicht und Gestell – Kopf, Kreuz, der komplette Bau sind immer unterschiedlich.“ Für seine Aufgabe ist es unerlässlich, sich jedes Tier einzuprägen. Schließlich muss er wissen, welche Kuh am Ende zu welchem Besitzer gehört. „Jeder Bauer hat seine eigene Herde“, erklärt Peter Sattler. Zwar sind die Tiere am Hinterteil und am Kreuz gekennzeichnet, doch die Ziffer ist nur bedingt ein Anhaltspunkt, wenn man die Kühe schnell unterscheiden muss. Schon kurz nach der „Nummerierung“ wächst das Fell an der kahl geschorenen Stelle wieder nach, so dass davon nicht mehr viel zu sehen ist. Also bleibt dem Kuhkenner nichts anderes übrig, als sich über „Eselsbrücken“ seine Kühe, deren Namen, ihre Nummer und ihren Besitzer zu merken. „Ein gutes Gedächtnis braucht ein Saltner neben handwerklichem Geschick und Viehkenntnis auf jeden Fall“, sagt Sattler.

Die Herde des Saltners besteht aus glücklichen Kühen: Von Juni bis September ist das Vieh der Kastelruther Bauern auf Sommerfrische. Für Peter Sattler beginnt dann die Saison. Er hat die Spielwiese der Tiere im Blick, die so groß ist wie 15 Fußballfelder. Das nahrhafte Gras der Almwiesen und die wilden Kräuter mit ihren Vitaminen und Mineralien stärken die Jungtiere. Nach einem Sommer auf der Alm kehren sie im Herbst gesund und kräftig zurück ins Tal.

Der Alltag eines Hirten richtet sich nach dem Lauf der Natur und seinen Tieren, denen seine ganze Aufmerksamkeit gilt. Selbst nach vielen Jahren harter Arbeit hat die beeindruckende Bergkulisse rund um die größte Hochalm Europas und die Ruhe hier oben nichts an Faszination für Sattler verloren. „Ich sitze oft sehr lange an meinen Aussichtspunkten. Schaue durchs Fernglas und beobachte meine Tiere. Es ist meist ganz ruhig, ich höre nur die Glocken der Kühe, sehe Adler über mir und halte dann schon jedes Mal inne, wenn ich dort oben bin“, sagt er. Seine Bilanz ist eindeutig: „Ich habe den schönsten Beruf der Welt, den ich gegen nichts tauschen würde.“

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Die Seiser Alm, größte Hochalm Europas, ist für Kinder ein riesengroßer Spielplatz vor atemberaubendem Bergpanorama